life changing times #3 – one month in Northern Norway

life changing times #3 – one month in Northern Norway [DE]

Vor über drei Monaten habe ich mein Studium abgeschlossen. Vor genau einem Monat habe ich Österreich (erneut) verlassen und habe mich in Nord-Norwegen niedergelassen. Mein neues zu Hause für das nächste halbe Jahr ist Djupvik, eine kleine Kommune am Lyngen Fjord, drei Autostunden von Tromso entfernt. Hier arbeite ich in der Lyngen Lodge und merke, wie mein Leben eine 360° Wendung hingelegt hat. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes am Arsch der Welt angekommen – ich habe ja schon so einiges gesehen und mir oft gedacht: puh hier bin ich nahe am Arsch dran. Aber hier angekommen habe ich schnell realisiert, viel abgelegener geht es vielleicht nur noch in Sibirien oder in Alaska. Hier, inmitten des Polarkreises ticken die Uhren anders. Mein Tagesrhythmus wird nicht mehr vom Sonnenauf- und Sonnenuntergang bestimmt. Die Sonne haben wir vor drei Wochen das letzte Mal gesehen. Über den Horizont kommt sie zwar noch, aber die Lyngen Alpen verdecken sie. Demnach bleibt uns nur noch Tageslicht, welches tagtäglich weniger wird. Die Frage: wie geht es dir mit der „Finsternis“ bekomme ich beinahe jeden Tag gestellt. Meine Antwort: Gut. Ich habe mich darauf vorbereitet und so ganz neu ist mir die ganze Sache ja auch nicht. In meinem Auslandssemester in Finland hatte ich ja bereits vor drei Jahren die Möglichkeit, die skandinavische Dunkelheit hautnah mitzuerleben. Hier bin ich nun. In einer Gegend mit immer kürzer werdenden Tagen und immer länger werdenden Nächten. Zumindest bis Ende Dezember. Dann wird sich das Blatt wieder wenden. Hier bin ich nun, wache jeden Tag mit dem Geräusch des Lyngen Fjords auf. Genieße meinen Kaffee mit Blick auf die Lyngen Alpen. Wenn ich das Haus verlasse bin ich binnen wenigen Minuten im verschneiten Wald. Ich ziehe meine Runden, stapfe durch den Schnee und atme die frische Luft ein. Hier ist einfach nichts. Hier bin ich ganz für mich alleine. Erst wenn ich die Lodge betrete und die Schürze überziehe bin ich für einige Stunden beschäftigt. Meine Gedanken kreisen sich dann nicht mehr um das „Nichts“. Ich arbeite viel, lerne jeden Tag etwas Neues, stoße an meine körperlichen Grenzen und wachse über mich hinaus. Mein Körper ist mein Werkzeug und ich liebe es, tagein tagaus mit Gästen im direkten Kontakt zu sein. Ihnen den Aufenthalt so schön wie möglich zu gestalten. Wenn ich die Lodge verlasse und mich auf den Heimweg mache, kommt es nicht selten vor, dass die Nordlichter über mir tanzen. Es ist eine 360° Grad Wendung zu den letzten sechs Jahren. Dominiert von meinem Studium, das ich geliebt habe. Von meiner Arbeit, der ich sehr gerne nachgegangen bin. Die meiste Zeit jedoch habe ich vor dem PC und in Hörsälen verbracht. Oft frage ich mich, warum ich mich von alldem so sehr einnehmen hab lassen. Viele Dinge, vor allem ich selbst, sind dabei zu oft zu kurz gekommen. Oft frage ich mich, warum ich so hart gearbeitet habe und ob es nicht auch mit weniger Aufwand gegangen wäre. Bestimmt. Bestimmt. Aber das wäre einfach nicht ich gewesen. „You can’t connect the dot looking forward. You can only connect them backwards […]” (Steve Jobs, 2014). Ich habe das Gefühl, dass Norwegen die Konsequenz von allem ist. Jede Entscheidung die ich getroffen habe, jeden Weg den ich gegangen bin. Alles hat dazu geführt, dass ich heute hier bin. Ich sehe, wie sich die Punkte miteinander verbinden lassen.

Ich fühle mich umfasst von einer Blase. Einer Blase meiner eigenen Gedanken. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viel Zeit für mich alleine hatte. Ich fühle mich in diesem alleine sein wohl. Sehr wohl. Vielleicht auch zu wohl. Noch nie habe ich so viel Zeit genutzt um bewusst die Naturgeschehnisse zu beobachten. Ich höre in mich hinein. Ich lebe sehr viel in meiner Vergangenheit, denke über jede Entscheidung die ich bisher getroffen habe nach. Über jede Begegnung in meinem Leben. Über jeden, der mich begleitet und beeinflusst hat. Oft merkt man erst mit etwas Abstand, welche auch noch so flüchtigen Begegnungen einen eigentlich maßgeblich beeinflusst haben. Die letzten und zugleich ersten vier Wochen hier in Nord-Norwegen waren eine Zeit des Einlebens und Reflektierens. Und es wird nicht aufhören, da bin ich mir sicher. Meine Antwort auf: Wie gehst du mit der „Finsternis“ um?, ist einfach: Ich lasse mich darauf ein. Welchen Effekt auch immer sie auf mich haben wird, ich werde es annehmen. Im Moment kann ich nur eine Antwort auf die Frage (die mir bisher noch keiner gestellt hat): „Wie gehst du mit der Natur um“?, geben: Ich höre ihr zu. Ich lasse mich auf sie ein. Ich sauge sie auf. Ich lerne von ihr. Ich beobachte sie und lerne zu verstehen, welche Rolle ich als Person in dieser Umgebung spiele. Und auch wenn ich mich manchmal mit dem Gedanken: Warum erst jetzt?, erwische, weiß ich, dass es jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist. Wie oft habe ich gehört am Tag meiner Graduation: jetzt fängt das richtige Leben an. Ich frage mich: Was ist das richtige Leben? Warum kommt diese Klischee Aussage immer nach Schul- oder Uniabschluss? Ich habe das richtige Leben immer gelebt. Ich habe gelernt, gearbeitet, viel Zeit und Energie in die Projekte gesteckt die für mich wichtig waren. Das richtige Leben ist das Leben das man selbst kreiert, das man führt. Jeder Lebensabschnitt ist anders. Wichtig.

So blicke ich jeden Tag aus dem Fenster, genieße den Kaffee mit Blick auf den Fjord und weiß, ich bin hier. Im Jetzt. Und das ist gut so. Und auch wenn mich die Angst auf „Danach“ überkommt muss ich jetzt wohl die Weisheit aus den letzten Jahren schöpfen, dass alles gut wird. Irgendwie. Auch wenn ich jetzt noch nicht wirklich einen Plan habe, was nach Norwegen passieren wird.

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[ENG]

I completed my studies over three months ago. Exactly one month ago I left Austria (again) and settled in Northern Norway. My new home for the next six months is Djupvik, a small municipality located at the Lyngen Fjord, three hours by car from Tromso. Here I work at Lyngen Lodge and notice how my life has turned 360°. I’ve literally ended up at the back of beyond – I’ve already seen a lot of things and often thought: I’m close to the end of the world. But when I arrived here, I realized quickly that it might be even more remote than Siberia or Alaska. Here, in the middle of the Arctic Circle the clocks tick differently. My daily rhythm is no longer determined by the sunrise and sunset. We last saw the sun three weeks ago. It still comes over the horizon, but hided by the Lyngen Alps. Daylight is reduced every day. The question: how are you with the “darkness” I get asked almost every day. My answer: Good. I have prepared myself for this and it is actually not new to me. In my semester abroad in Finland I had the opportunity to experience Scandinavian darkness up close. Here I am now. In an area with ever shorter days and ever longer nights. At least until the end of December. Then the tide will turn again. Here I am, waking up every day with the sound of the Lyngen Fjord. Enjoy my coffee with a view of the Lyngen Alps. When I leave the house, I’ll be in the snow-covered forest within minutes. I make my rounds, stomp through the snow and breathe in the fresh air. There’s nothing here. Here I’m all by myself. Only when I enter the lodge and put on the apron I am busy for a few hours. My thoughts then no longer revolve around “nothing”. I work a lot, learn something new every day, reach my physical limits and grow beyond myself. My body is my tool and I love being in direct contact with guests day in and day out. When I leave the lodge and head home, there is a big chance that I will see the Northern Lights. It’s a 360-degree turn to the last six years. Dominated by my studies, which I loved. From my work, which I loved to do. Most of the time, however, I spent in front of the PC and in lecture halls. I often wonder why I let myself be taken in by all this. Many things, especially myself, have often been neglected. I often wonder why I worked so hard and whether it would not have been possible with less effort. Certainly. But that wouldn’t have been me. “You can’t connect the dot looking forward. You can only connect them backwards[…]”(Steve Jobs, 2014). I have the feeling that Norway is the consequence of everything. Every decision I’ve made, every move I’ve made. Everything has led to me being here today. I see how the dots connect with each other.

I feel trapped in a bubble. A bubble of my own thoughts. I can’t remember the last time I had so much time alone for myself. I’m comfortable being alone. Very well. Maybe too well. Never before I have used so much time to consciously observe natural phenomena. I can hear inside myself. I live a lot in my past, thinking about every decision I’ve ever made. About every encounter in my life. About everyone who has accompanied and influenced me. Often you only notice with a little distance, which even fleeting encounters have influenced you decisively. The last and at the same time the first four weeks here in Northern Norway were a time to settle in and reflect. And it won’t stop, I’m sure it won’t. My answer to: How do you deal with the “darkness” is simple: I get involved. Whatever effect it will have on me, I’ll take it. At the moment I can only give an answer to the question (which nobody has asked me yet):”How do you deal with nature? I’m getting involved. I’m learning from the nature. I observe it and learn to understand what role I play as a person in this environment. And even if I sometimes get caught with the thought: “Why only now?”, I know that now is exactly the right time. How many times have I heard on the day of my graduation: now the real life begins. I keep asking myself: What is the real life? Why does this cliché always come after graduating from school or university? I’ve always lived the right life. I have learned, worked, put a lot of time and energy into the projects that were important for me. The right life is the life you create, the life you lead. Every stage of life is different. Important.

I look out of the window every day, enjoy the coffee with a view of the fjord and know that I am here. Now. And that’s a good thing. And even if the fear of “afterwards” sometimes comes over me, I have to draw wisdom from the last few years: Everything will be fine. Kind of. Even though I don’t really have a plan for what is going to happen afterwards. After Norway.

 

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