Workaway auf 1.558 Metern [Adventure is waiting]

Workaway auf 1.558 Metern [Adventure is waiting]

[DE]

“Langsam wird mir wieder warm und meine Haare sind mittlerweile auch wieder halb trocken. Über dem Kaminofen in der Stube hängen noch meine triefend nassen Wandersachen. Bis die trocken sind, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Ich sitze im Schneidersitz auf einer Holzbank vor dem Haus und starre in die Ferne. In eine Ferne, die ich nicht sehen kann, Bäume und Nebel verdecken mir die Sicht. Es regnet. Noch immer. Ich hole tief Luft, schließe die Augen. Die Erinnerung an unseren Abschied vor gut 20 Minuten ist noch so klar, ich kann deine warmen Hände in meinem Gesicht immer noch spüren. Meine Tränen vom Abschied sind getrocknet – kleben aber noch an meinen Wangen. Vielleicht sollte ich mir später das Gesicht waschen. Bis du mir schreibst, dass du gut zu Hause angekommen bist, werde ich hier sitzen und hoffen, dass es dir gut geht. Dass der Abstieg problemlos verläuft. Nicht jeder wäre mit mir aufgebrochen in mein neues Abenteuer. Nicht jeder hätte mich bis hierhin begleitet, wäre mit mir im strömenden Regen auf eine Berghütte gewandert, hätte meinen schweren Rucksack getragen. Und nicht jeder wäre am selben Tag wieder talwärts aufgebrochen, hätte sich beim Abschied mindestens fünfmal umgedreht und mir zugewunken, während ich im Türrahmen das Wiedersehen bereits heimlich herbeisehne. Hier auf 1.558 Metern werde ich die nächsten zwei Wochen verbringen. Abseits vom Trubel und vom Freizeitstress. Und während ich diese Zeilen schreibe, sage ich leise: Bitte pass auf dich auf und komm‘ gut nach Hause”. (22. Juli 2018, ein kleiner Auszug aus meiner Anreise auf das Hochkogelhaus- ein kleiner Einblick in meine Gefühlswelt)

Vor exakt einem Monat bin ich in die Heimat zurückgekehrt. Nun bin ich in ein neues Abenteuer aufgebrochen. Zwei Wochen lang werde ich auf der Hochkogelhaus bei Ebensee Freiwilligendienst leisten. Auch wenn das sehr durchwachsene Wetter die Begrüßung etwas anders gestaltet hat wie ursprünglich geplant, habe ich mich von Anfang an wohl gefühlt. Sie haben mir gefehlt, die Berge. Ich habe sie vermisst, die klare Bergluft. Abseits von Allem und Jedem werde ich nun die vergangenen Wochen Revue passieren lassen, werde einfach wieder sein. So wie vor meiner Rückkehr.

Freiwilligendienst? Einfach so? Mitte des Jahres war es auf einmal da. Ein Unbehagen der Superlative. Innerlicher Stress, den ich mir nur dadurch erklären konnte, dass ich einfach noch keinen Plan für „Danach“ hatte. Ein Danach das in den Sternen stand (und irgendwie auch immer noch steht) – ich konnte mir so oft sagen wie ich wollte, dass alles gut werden würde. Ohne der auch noch so kleinsten Idee/ dem noch so kleinsten Projekt, wo ich mich nützlich fühlen würde, war der Gedanke nach Hause zu kommen, beinahe unerträglich. Die Angst vor der doch allzu bekannten „Post-Travel and Post-Study Depression“ war für Wochen allgegenwärtig. Nach kurzem Hin und Her war eigentlich auch schon die Idee für Workaway geboren. Warum nicht für ein paar Wochen wo arbeiten, wo ich im Austausch für Kost und Logis meine Fähigkeiten an den Mann/ die Frau bringen kann und die Möglichkeit besteht, Dinge zu lernen, die ich vielleicht nur in einem sauteuren Kurs erlernen könnte. Neue Menschen kennenlernen? Projekte unterstützen? Mich vernetzen – und nicht über Social Media, sondern mit realen Menschen aus Fleisch und Blut! Unzählige Möglichkeiten bieten sich an. Und solange ich in der Jobsuchphase stecke, kann ich mich auch so nützlich machen. Ja ich weiß, ich hab‘ einfach keinen ruhigen Hintern und brauche immer was zu tun. Zumindest nach Norwegen, einer Zeit wo ich zwar viel gearbeitet, aber auch nicht viel gemacht habe. Das Nichtstun habe ich erlernen müssen und das war gar nicht so einfach. Aber das Danach sollte auf gar keinen Fall gefüllt sein mit Nichtstun. Darüber war ich mich sicher.

Eigentlich wollte ich ja nach Portugal. Bisschen surfen, bisschen in einem Strandcafé oder Hostel arbeiten. Bisschen Urlaub und Arbeit verbinden. So richtig konnte ich mich dann aber doch nicht mit dem anfreunden, was sich mir geboten hat. Irgendwie wurde die Idee, über Workaway mich nützlich zu machen, wieder auf Eis gelegt. Doch ich wäre nicht ich, hätte ich mir nicht schnell einen neuen Plan zurechtgelegt. Wenn ich mir einmal was in den Kopf gesetzt habe, dann komme ich davon eigentlich nur sehr schwer wieder los. Sturschädel. Ich weiß! Auch wenn ich unglaublich gerne nach Portugal geflogen wäre (und vielleicht kommt das ja noch, wer weiß), war es gut, dass ich auch einmal die Workaway-Stellen von Österreich durchforstet habe. Warum immer weit weg gehen, wenn es doch zu Hause auch wunderschön, wenn nicht sogar am schönsten ist? Und dann hat eigentlich eines zum anderen geführt. Eine Mail, ein Telefonat und schon hatte ich einen Plan für Ende Juli und konnte wieder gut schlafen. Und hier bin ich nun. Auf 1.558 Metern im südlichen Oberösterreich, inmitten dem Toten Gebirge.

Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dem Universum zu vertrauen. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, mit seinen Gedanken und Wünschen achtsam umzugehen. Dass Schicksal nicht nur Hokuspokus ist und dass es immer einen Grund gibt, weshalb Dinge geschehen, wurde mir in den letzten Jahren immer mehr bewusst. Vor allem aber ist mir verstärkt bewusst geworden, wie kräftig Visualisierung sein kann. „If you see it in your mind, you can hold it in your hands!”  – Vieles braucht seine Zeit, Motivation, Durchhaltevermögen. Vieles wird nicht heute und nicht morgen geschehen. Aber irgendwann, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, werden die Dinge Wirklichkeit die man sich vorgenommen hat. Eine gesunde positive Einstellung und ein gesunder Bezug zur Realität sind essentielle Bestandteile davon.

Warum ich genau hier gelandet bin, weiß nur das Universum. Ich kann nur sagen, dass es sich zu 150% richtig anfühlt. Ich helfe wo ich kann – in der Küche, im Service, putze Schlaflager und Sanitäranlagen (ja, ich bin mal wieder beim Kloputzen angekommen…aber was soll’s). Genieße meinen Morgenkaffee und meine täglichen Yogaübungen mit Bergblick, lese mein Buch in der Hängematte, bewundere den Sonnenuntergang am Hochkogel, erfreue mich am Sein und beteilige mich an anspannenden Unterhaltungen unter dem Sternenhimmel. Lerne jeden Tag Neues über das Leben der Hüttenwirte, setze mich mit Dingen auseinander, die vielleicht für mich später auch einmal relevant werden. Und natürlich steht die eine oder andere Bergtour auch schon an. Das alles im Austausch für ein paar Stunden meiner Zeit, die ich liebend gerne dafür hergebe um in der Küche zu helfen, (neue Rezepte zu lernen), das Matratzenlager für die nächsten Gäste bezugsfähig zu machen, die Stube zu kehren, die Wäsche zu waschen…. und mich mit den unterschiedlichsten Menschen auszutauschen. Doch das mit Abstand schönste an der ganzen Sache ist, dass ich im Hier und Jetzt bin. Nicht im Da und Dort. Ich habe Zeit, meinen Gedanken zuzuhören, in mich hinein zu fühlen, stundenlang in der Hängematte zu liegen, den Bäumen und Vögeln zu lauschen – ich lese mein Buch, ich trinke den dritten oder vierten Kaffee. Naja und dann sind da auch noch die Momente, mit denen man überhaupt nicht rechnet. Und doch auch irgendwie schon. Dass das Leben auf einer Berghütte wenig mit Bergromantik zu tun hat (als Betreiber und als “Angestellter”) merkt man natürlich im täglichen Geschehen auch. Vor allem dann, wenn irgendetwas nicht so funktioniert, wie man es sich wünscht. Das non plus ultra war dann definitiv, als auf einmal nichts mehr ging. Kein Strom. Kein Wasser. Nicht so schlimm – würde man meinen. Kerzen anzünden und Stirlampe aufsetzen. Trinkwasser abfüllen und Schnaps trinken. Naja, ganz so einfach ist es dann doch auch wieder nicht, wenn man bedenken muss, dass kein Strom und kein Wasser sich auch auf Kühlschrank und Gefriertruhe (aka Lebensmittel) ausübt. Und dann kann ein tagelanger Ausfall von Strom und Wasser schon einen ziemlichen finanziellen Schaden anrichten. Zum Glück konnte der Schaden wieder behoben werden und der Betrieb läuft weiter. Bewusst wirds einem dann aber doch, wie abhängig man von manchen Dingen ist. Auch auf über 1.500 Metern.

Dass ich mich für Workaway entschieden habe, war definitiv richtig. Und ich kann es jedem ans Herz legen. Es ist eine wunderbare Alternative zum Reisen, eine Möglichkeit Menschen und Kulturen kennenzulernen. Geld zu sparen und sich nützlich zu machen. Neue Dinge erlernen und im Austausch die Welt neu entdecken. Ich denke es ist wichtig, die Scheu vor dem Unbekannten abzulegen und im Vorfeld alle offenen Fragen zu klären. Dann kann eigentlich wenig bis gar nichts schief gehen. Und während ich diese Zeilen schreibe blicke ich auf die Berge um mich herum und erfreue mich am Sonnenuntergang. Und vielleicht, nur vielleicht, habe ich dem einen oder anderen die Möglichkeit im Ausland (oder vielleicht auch bei uns im schönen Österreich) zu arbeiten schmackhaft gemacht. Für mich fühlt es sich auf jeden Fall nicht wie Arbeit an. Mehr wie Urlaub. Ein Urlaub mal anders.

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[ENG]

I returned home exactly one month ago. And now I am already off to a new adventure. For two weeks I will volunteer at the Hochkogelhaus near Ebensee in Upper Austria. Even though the unsettled weather made the welcome a little different than originally planned, I felt comfortable right from the beginning. Mountains, I have missed you! Very much. I missed the clear mountain air. Away from everything and everyone I will now review the past weeks, will simply be, again. Just like before I got back home.

Volunteering? Just like that? All of the sudden it was there at the beginning of this year.  An unease of superlatives. Inner stress, which I could only explain by the fact that I simply did not have a plan for “after”. “After Norway” stood (and somehow still does) in the stars – I could tell myself as often as I wanted that everything will be all right. Without even the smallest idea/project where I would feel useful, the thought of coming home was almost unbearable. The fear of the all too well-known “Post-Travel and Post-Study Depression” was omnipresent for weeks. After a short back and forth, the idea for Workaway was born. Why not work for a few weeks somewhere I can bring my skills to use, in exchange for food and living?! Learning new things which I could only learn in an expensive training? Meeting new people? Supporting projects? Networking – and not via social media, but with real people?! So many possibilities are available. And as long as I’m in the search for a job, I can make myself useful. Yeah, I know, I just can’t stand still and I always need something to do. In Norway I had to learn how to do nothing at all and that was not so easy. But the “after” should not be filled with inactivity. I was sure of that.

Truth to be told, I wanted to go to Portugal. Surf a bit, work a bit in a beach café or hostel. A little vacation and work. But I could not really make friends with what Workaway had to offer. Somehow the idea of making me useful about Workaway was put on hold again. But I wouldn’t be me if I did not come up with another plan very quick. Once I have set my mind on something, it is actually very difficult for me to get rid of it. Stubborn. I know! Even though I would have loved to fly to Portugal (and maybe I will, who knows), it was good that I once went through the Workaway places of Austria. Why always going far away when it’s beautiful, if not the most beautiful, at home? And then one thing led to another. One mail, one phone call and I had a plan for the end of July. Finally, I could sleep well again. And here I am. At 1,558 meters in southern Upper Austria, in the middle of the Dead Mountains.

What I’ve learned over the last years is to simply trust the univers. I have learned that it is important to be mindful of his thoughts and wishes. That fate is not only hocus-pocus and that there is always a reason why things happen. Above all, however, I have become increasingly aware of how powerful visualization can be. “If you see it in your mind, you can hold it in your hands!”  – A lot of things simply take time, motivation, stamina. Much will not happen today and not tomorrow. But at some point, when the time comes, things you have set in your mind will eventually become reality. A healthy positive attitude and a healthy relationship to reality are essential components of it.

Only the universe knows why I ended up here. All I can say is that feels 150% right  I help where I can – in the kitchen, in the service, cleaning bedrooms and sanitary facilities (yes, I am cleaning toilets again, but who cares!?) I enjoy my morning coffee and my daily yoga exercises with mountain view, read my book in the hammock, admire the sunset at the Hochkogel, participate in exciting conversations under the starry sky. Learn new things about running a mountain hut and living up here, deal with things that might become relevant to me later. And of course one or two mountain tours are already on the agenda. All this in exchange for a few hours of my time, which I love to give to help in the kitchen, (to learn new recipes), make the bed rooms ready for the next guests, sweep the living room, do the laundry….. and exchange ideas with a wide variety of people. But by far the best thing about it is that I am in the here and now. Not in the here and there. I have time to listen to my thoughts, to feel into myself,  lie in the hammock for hours, to listen to the trees and birds – I read my book, I drink the third or fourth coffee. Well, and then there are the moments you don’t expect at all. And yet, somehow. That life in a mountain hut has little to do with mountain romance (as an operator and as an “employee”). Especially when something doesn’t work the way you want it to. The non plus ultra was that moment when suddenly nothing more went. No power. No water. Not so bad – you’d think. Light the candles and put on a headlamp. Bottling drinking water and drinking liquor. Well, it’s not that simple if you have to bear in mind that no electricity or water also applies to the refrigerator and freezer (aka food). And then a day-long outage of electricity and water can cause considerable financial damage. Fortunately, the damage has been repaired and operations continue. But then you do realize how dependent you are on some things. Even at over 1,500 metres.

I was definitely right to choose Workaway. And I can recommend it to anyone. It is a wonderful alternative to travelling, an opportunity to get to know people and cultures. To save money and make yourself useful. Learn new things and rediscover the world in exchange. I think it is important to get rid of the shyness of the unknown and to clarify all open questions in advance. Then actually little or nothing can go wrong. And as I write these lines I look at the mountains around me and enjoy the sundown. And maybe, just maybe, I have made the possibility to work abroad (or maybe also in the beautiful Austria) appealing to one or the other. It certainly doesn’t feel like work to me. More like holidays. A different kind of holiday.

 

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